Treasure ist für ausgefallene Software
bekannt. Sei es das technisch brilliante Radiant Silvergun (Sat) oder einfallsreiche
Silhouette Mirage (PS / Sat), wenn Treasure einen neuen Titel veröffentlicht,
darf man auf Einiges gefasst sein.
Bakuretsu Muteki Bangaioh ist ein innovativer
2-D Shooter, der in ähnlicher Form bereits auf dem Nintendo 64 veröffentlicht
wurde.
Mit einem Kampfroboter, der abwechselnd
von zwei Piloten bedient wird, darf in den Stages alles weggeballert werden,
was sich einem in den Weg stellt. Dabei scrollen die Level in alle Himmelsrichtungen
und besitzen sogar Gravitation, was das Manövrieren etwas erschwert.
Bis zum Endgegner müssen so viele gegnerische Bauten
und Flugobjekte wie möglich beseitigt zu haben.
In den Options gibt es zwei Kontrollmöglichkeiten,
XA und ABXY Mode, von denen die letztere aber am sinnvollsten ist.
Bei ABXY wird mit Hilfe der vier Buttons geschossen. Jeder von ihnen steht
dabei für eine Himmelsrichtung, wobei diagonale Schüsse durch
Drücken von AX, XY, YB oder AB ausgeführt werden. Mit dem Digitalpad
wird die Flugrichtung bestimmt. Etwas Speed gibt es, wenn zweimal kurz
hintereinander in eine Richtung gedrückt wird.
Während des Spiels wechselt man mit
dem L Button zwischen den beiden Piloten Riki und Mami, die sich in ihren
Waffensystemen unterscheiden. Abgesehen von mobilen Roboter-Einheiten müssen
auch die Wände in den Stages genaustens beobachtet werden. Hier befinden
sich beispielsweise Raketenabschussrampen oder Gebäude, die nach der
Zerstörung punkte-spendende Items zurücklassen.
Riki's Geschosse sind zielsuchend und
treffen daher (fast) immer. Treffen sie auf ein Objekt, so werden sie jedoch
nicht reflektiert. Auch haben die Raketen Schwierigkeiten in schmalen Korridoren
bei ihrem Feind „anzukommen“. Mami's Laserstrahlen suchen sich das Ziel
nicht automatisch, aber dafür prallen sie von Wänden ab. In engen
Passagen ist das besonders hilfreich, weil sie in regelrechten Zick-Zack
Kurven ihren Bahnen ziehen, und den Feinden kaum Platz zum Ausweichen geben.
Mami's dichter Geschossteppich eignet sich besonders für das Abwehren
von feindlichen Angriffen. Riki geht dagegen mehr in die Offensive und
ist für Angriffe in weiträumigen Abschnitten bestens prädestiniert.
Eine Art Smart Bomb wird mit R aktiviert.
Dabei richtet sich die Anzahl der Projektile nach der Feinddichte: Stehen
viele Gegner um einen herum, dann werden sie von mehr Geschossen angegriffen
als wenn sich weniger Feinde blicken lassen.
Die Smart Bomb wird erst abgefeuert, wenn
der R Button losgelassen wird. Das ist überaus praktisch wenn man
noch abwarten will, bis sich der Screen mit genügend Gegnern gefüllt
hat.
Im oberen Bildschirmteil prangert das
Baku Meter, das als Ersatz für das Combo-System vom N64 gedacht ist.
Es zeigt an wieviele Explosionen gleichzeitig stattfinden - je höher
die Zahl, desto mehr Detonationen wummern über den Screen. Ab 100
Explosionen gibt es dann einige Goodies.
Das Vorankommen wird abgespeichert und
jede Stage darf beliebig oft betreten werden.
FRANK
SAYS:
Treasure ist sowohl ein Meister in der
Realisierung von hochkarätiger Software als auch darin, diese mit
einer gewissen „unbequemen“ Zugänglichkeit zu verpacken, die viele
Spieler von einem Kauf abschrecken könnte. So geschehen bei Silhouette
Mirage und nun Bangaioh.
Ungelogen stellte auch ich mir in den
ersten Stages die Frage, was Bangaioh eigentlich sein soll: Miniatur-Sprites,
eine gewöhnungsbedürftige Steuerung und ein zunächst seltsam
anmutendes Level-Design liessen mich den Glauben an die altbekannte Treasure-Qualität
fast verlieren. Doch mein Durchhalten wurde belohnt, und mit jedem
Level offenbarte sich die Genialität, die hinter Bangaioh steckt,
ein bisschen mehr.
Nein, Bangaioh ist kein Shooter im herkömmlichen
Sinn. Es hat kaum etwas mit Radiant Silvergun oder R-Type Delta zu tun.
Das
Motto „Der Weg ist Ziel“ ist bei Bangaioh Programm: Erst wenn der Bildschirm
vor lauter Explosionen kaum noch zu erkennen ist, mehrere hundert Sprites
gleichzeitig herumfliegen und man sich feinfühlig mit der Gravitation
auseinandersetzt, dann hat man den tieferen Sinn von Bangaioh erkannt.
Oft erinnerten mich einige Passagen an Subterrania (Mega Drive),
Ranger X (Mega Drive) oder in manchen “Puzzle-Stages” an Boulder Dash (C-64).
Aber Bangaioh lässt sich genau so wenig in eine Schublade stecken
wie Silhouette Mirage: Es ist innovativ, einfallsreich und erzeugt eine
Langzeitmotivation, die herkömmliche Shooter kaum aufbauen können.
Bei Bangaioh rannte ich ständig zum Dreamcast zurück, nur um
noch einmal eine Stage zu spielen. Nur ein Versuch... Nur noch dieser eine
Versuch. Und dann wird weitergearbeitet - nur um 10 Minuten später
wieder vor der Konsole zu hocken. Bangaioh schippert nahe am Rande der
Sucht vorbei, ein Potential, das niemand unterschätzen sollte.
Grafisch sind alle Objekte zwar sehr klein,
doch anders liessen sich die „tausend“ gleichzeitig auftretenden Effekte
wohl kaum darstellen: Schon mal gesehen, wie 200, 300 oder mehr Raketen
gleichzeitig über den Bildschirm fliegen? Vor dieser Menge muss sogar
der Dreamcast kapitulieren, denn anders kann ich mir die in solchen Augenblicken
auftretenden Slowdowns nicht erklären.
Ausserhalb dieser Massen-Effekt-Orgien
glänzt die Dreamcast Version aber mit einer sehr hohen technischen
Reife. Das Artwork der Charaktere in den Zwischensequenzen und einige Voice-Samples
der Endgegner haben mich sehr an Silhouette Mirage erinnert.
Das
Joypad ist mit Funktionen überladen, aber dennoch beherrschbar. Nur
im ABXY Mode lässt sich Bangaioh vernünftig kontrollieren, was
meinen linken Daumen allerdings nach einer halben Stunde fast reif für
eine Amputation machte. Das diagonale Schiessen mit zwei Buttons gleichzeitig
gestaltet sich etwas hakelig. Die Digital-Steuerung ist wirklich extrem
‘tough’ und ein Eimer mit Eiswasser sollte zur Daumenkühlung
immer bereit stehen - ganz klar der grösste Schwachpunkt der Dreamcast
Fassung.
Die Endgegner-AI ist durchwachsen: Einige
lassen sich austricksen, indem sie in bestimmten Positionen verharren und
dann gefahrlos beschossen werden können (z.B. in Level 14, im unteren
Bildschirmteil).
Eine optimale Übersicht ist nicht
immer gegeben, was in Anbetracht der vielen Projektile auch kein Wunder
ist. Dennoch: Die im Vergleich zur N64 Version verbesserte Sound- und Grafikqualität
sowie die Änderungen bzw. Ergänzungen im Gameplay setzen das
Dreamcast-Bangaioh im direkten Vergleich an die Spitze.
Ein subtil ausgeklügeltes Gameplay
und die dadurch erzeugte Langzeitmotivation verhelfen Bangaioh zu einer
Originellität, deren Reiz man sich kaum entziehen kann. Es ist bestimmt
nicht jedermanns Sache und dürfte vornehmlich all jene ansprechen,
die seinerzeit enthusiastisch Silhouette Mirage gespielt haben.
In den ersten Minuten mag Bangaioh wie
ein ungeschliffener Diamant aussehen, aber je länger man daran „feilt“
desto wertvoller wird das Spiel - It's a Treasure!
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