Test in Ausgabe: 29 (02/00) 
System: Dreamcast 
Hersteller: Treasure
Version: Japan
   

Treasure ist für ausgefallene Software bekannt. Sei es das technisch brilliante Radiant Silvergun (Sat) oder einfallsreiche Silhouette Mirage (PS / Sat), wenn Treasure einen neuen Titel veröffentlicht, darf man auf Einiges gefasst sein.
Bakuretsu Muteki Bangaioh ist ein innovativer 2-D Shooter, der in ähnlicher Form bereits auf dem Nintendo 64 veröffentlicht wurde. 
Mit einem Kampfroboter, der abwechselnd von zwei Piloten bedient wird, darf in den Stages alles weggeballert werden, was sich einem in den Weg stellt. Dabei scrollen die Level in alle Himmelsrichtungen und besitzen sogar Gravitation, was das Manövrieren etwas erschwert. Bis zum Endgegner müssen so viele gegnerische Bauten und Flugobjekte wie möglich beseitigt zu haben. 

In den Options gibt es zwei Kontrollmöglichkeiten, XA und ABXY Mode, von denen die letztere aber am sinnvollsten ist.  Bei ABXY wird mit Hilfe der vier Buttons geschossen. Jeder von ihnen steht dabei für eine Himmelsrichtung, wobei diagonale Schüsse durch Drücken von AX, XY, YB oder AB ausgeführt werden. Mit dem Digitalpad wird die Flugrichtung bestimmt. Etwas Speed gibt es, wenn zweimal kurz hintereinander in eine Richtung gedrückt wird. 

Während des Spiels wechselt man mit dem L Button zwischen den beiden Piloten Riki und Mami, die sich in ihren Waffensystemen unterscheiden. Abgesehen von mobilen Roboter-Einheiten müssen auch die Wände in den Stages genaustens beobachtet werden. Hier befinden sich beispielsweise Raketenabschussrampen oder Gebäude, die nach der Zerstörung punkte-spendende Items zurücklassen.
Riki's Geschosse sind zielsuchend und treffen daher (fast) immer. Treffen sie auf ein Objekt, so werden sie jedoch nicht reflektiert. Auch haben die Raketen Schwierigkeiten in schmalen Korridoren bei ihrem Feind „anzukommen“. Mami's Laserstrahlen suchen sich das Ziel nicht automatisch, aber dafür prallen sie von Wänden ab. In engen Passagen ist das besonders hilfreich, weil sie in regelrechten Zick-Zack Kurven ihren Bahnen ziehen, und den Feinden kaum Platz zum Ausweichen geben. Mami's dichter Geschossteppich eignet sich besonders für das Abwehren von feindlichen Angriffen. Riki geht dagegen mehr in die Offensive und ist für Angriffe in weiträumigen Abschnitten bestens prädestiniert. 
Eine Art Smart Bomb wird mit R aktiviert. Dabei richtet sich die Anzahl der Projektile nach der Feinddichte: Stehen viele Gegner um einen herum, dann werden sie von mehr Geschossen angegriffen als wenn sich weniger Feinde blicken lassen. 
Die Smart Bomb wird erst abgefeuert, wenn der R Button losgelassen wird. Das ist überaus praktisch wenn man noch abwarten will, bis sich der Screen mit genügend Gegnern gefüllt hat. 
Im oberen Bildschirmteil prangert das Baku Meter, das als Ersatz für das Combo-System vom N64 gedacht ist. Es zeigt an wieviele Explosionen gleichzeitig stattfinden - je höher die Zahl, desto mehr Detonationen wummern über den Screen. Ab 100 Explosionen gibt es dann einige Goodies. 
Das Vorankommen wird abgespeichert und jede Stage darf beliebig oft betreten werden. 
 
 
FRANK SAYS:
 
Treasure ist sowohl ein Meister in der Realisierung von hochkarätiger Software als auch darin, diese mit einer gewissen „unbequemen“ Zugänglichkeit zu verpacken, die viele Spieler von einem Kauf abschrecken könnte. So geschehen bei Silhouette Mirage und nun Bangaioh. 
Ungelogen stellte auch ich mir in den ersten Stages die Frage, was Bangaioh eigentlich sein soll: Miniatur-Sprites, eine gewöhnungsbedürftige Steuerung und ein zunächst seltsam anmutendes Level-Design liessen mich den Glauben an die altbekannte Treasure-Qualität fast verlieren. Doch  mein Durchhalten wurde belohnt, und mit jedem Level offenbarte sich die Genialität, die hinter Bangaioh steckt, ein bisschen mehr.
Nein, Bangaioh ist kein Shooter im herkömmlichen Sinn. Es hat kaum etwas mit Radiant Silvergun oder R-Type Delta zu tun. 
Das Motto „Der Weg ist Ziel“ ist bei Bangaioh Programm: Erst wenn der Bildschirm vor lauter Explosionen kaum noch zu erkennen ist, mehrere hundert Sprites gleichzeitig herumfliegen und man sich feinfühlig mit der Gravitation auseinandersetzt, dann hat man den tieferen Sinn von Bangaioh erkannt. Oft erinnerten mich einige Passagen an Subterrania (Mega Drive),  Ranger X (Mega Drive) oder in manchen “Puzzle-Stages” an Boulder Dash (C-64). Aber Bangaioh lässt sich genau so wenig in eine Schublade stecken wie Silhouette Mirage: Es ist innovativ, einfallsreich und erzeugt eine Langzeitmotivation, die herkömmliche Shooter kaum aufbauen können. Bei Bangaioh rannte ich ständig zum Dreamcast zurück, nur um noch einmal eine Stage zu spielen. Nur ein Versuch... Nur noch dieser eine Versuch. Und dann wird weitergearbeitet - nur um 10 Minuten später wieder vor der Konsole zu hocken. Bangaioh schippert nahe am Rande der Sucht vorbei, ein Potential, das niemand unterschätzen sollte. 

Grafisch sind alle Objekte zwar sehr klein, doch anders liessen sich die „tausend“ gleichzeitig auftretenden Effekte wohl kaum darstellen: Schon mal gesehen, wie 200, 300 oder mehr Raketen gleichzeitig über den Bildschirm fliegen? Vor dieser Menge muss sogar der Dreamcast kapitulieren, denn anders kann ich mir die in solchen Augenblicken auftretenden Slowdowns nicht erklären. 
Ausserhalb dieser Massen-Effekt-Orgien glänzt die Dreamcast Version aber mit einer sehr hohen technischen Reife. Das Artwork der Charaktere in den Zwischensequenzen und einige Voice-Samples der Endgegner haben mich sehr an Silhouette Mirage erinnert. 
Das Joypad ist mit Funktionen überladen, aber dennoch beherrschbar. Nur im ABXY Mode lässt sich Bangaioh vernünftig kontrollieren, was meinen linken Daumen allerdings nach einer halben Stunde fast reif für eine Amputation machte. Das diagonale Schiessen mit zwei Buttons gleichzeitig gestaltet sich etwas hakelig. Die Digital-Steuerung ist wirklich extrem ‘tough’ und  ein Eimer mit Eiswasser sollte zur Daumenkühlung immer bereit stehen - ganz klar der grösste Schwachpunkt der Dreamcast Fassung. 
Die Endgegner-AI ist durchwachsen: Einige lassen sich austricksen, indem sie in bestimmten Positionen verharren und dann gefahrlos beschossen werden können (z.B. in Level 14, im unteren Bildschirmteil).
Eine optimale Übersicht ist nicht immer gegeben, was in Anbetracht der vielen Projektile auch kein Wunder ist. Dennoch: Die im Vergleich zur N64 Version verbesserte Sound- und Grafikqualität sowie die Änderungen bzw. Ergänzungen im Gameplay setzen das Dreamcast-Bangaioh im direkten Vergleich an die Spitze. 
Ein subtil ausgeklügeltes Gameplay und die dadurch erzeugte Langzeitmotivation verhelfen Bangaioh zu einer Originellität, deren Reiz man sich kaum entziehen kann. Es ist bestimmt nicht jedermanns Sache und dürfte vornehmlich all jene ansprechen, die seinerzeit enthusiastisch Silhouette Mirage gespielt haben.
In den ersten Minuten mag Bangaioh wie ein ungeschliffener Diamant aussehen, aber je länger man daran „feilt“ desto wertvoller wird das Spiel - It's a Treasure!